Künstler und Hochsensibilität

Einen Monat ist es jetzt her, dass ich eines schönen Mittags allein vor meinem Teller saß und mich langweilte, weil ich niemanden zum Plaudern an die Strippe bekam. Alle waren offenbar wahnsinnig beschäftigt. Ich zappte auf YouTube herum in der Hoffnung, irgendein spannendes Video zu finden, das mir für die nächste halbe Stunde Zerstreuung bringen würde.

Schließlich blieb ich bei dem Video „Die sanfte Kraft hochsensibler Menschen“ hängen. Frag mich bitte nicht, wieso. Ich weiß es nicht mehr. Eine Frau aus Deutschland namens Elena Herdieckenhoff, von der ich zuvor noch nie gehörte hatte, hielt einen englischsprachigen TED-Talk-Vortrag zum Thema Hochsensibilität.

Ich wunderte mich über ihre Themenwahl. Meine Auffassung bis dahin war, Hochsensibilität wäre ein Modewort für Menschen, die nix auf die Kette bekommen, dafür eine Ausrede brauchen und anderen damit gehörig auf die Nerven gehen.  

Dann schilderte die Vortragsrednerin detailreich die Überwältigung ihrer Sinne während eines Besuchs des Oktoberfests. Zum Beispiel sprach sie davon, dass sie nach Hause gehen musste, als sie die Gerüche, die Kakophonie der Klänge und den Lärm nicht mehr aushielt.

Ab diesem Moment hatte sie meine volle Aufmerksamkeit. Ich spürte, dass alles, absolut alles, was sie sagen würde, auch etwas mit mir zu tun hatte.

Die Wahrheit über Hochsensibilität

Langsam bekam ich Gänsehaut. Frau Herdieckenhoff, Beraterin für hochsensible Unternehmer, appellierte an die Zuschauerschaft, doch den großen Beitrag zu würdigen, den hochsensible Künstler, Philosophen, Dichter und Wohltäter bereits im Laufe der Jahrhunderte für die Menschheit geleistet hatten. Sie warb für mehr Akzeptanz von Hochsensiblen in unserer Gesellschaft. Sie fragte: „Wo wären wir ohne Leonardo Da Vinci oder einen Mozart? Ohne Anäís Nin, Balzac, Mutter Teresa oder Ghandi?“

Ich zitiere weiter: „Ich will damit nicht sagen, dass alle hochsensiblen Personen Genies sind, die die Welt gestalten. Aber die meisten verspüren den Drang, Kontakt und Sinn herzustellen. Denn sie fühlen jeden Schmerz, den sie wahrnehmen. Sie wollen die Vergessenen hochheben und die Unglücklichen retten. Wenn Hochsensible versuchen, ihre Sensibilität zu verbergen, um sich anzupassen, verlieren wir alle. Wäre eine Gesellschaft nicht ärmer, der das schlagende Herz aus sensibler Kreativität fehlt, die Vorstellungskraft, Intuition und Empathie in Verruf bringt?“

Ich kaute auf meinem Brot herum und fing an zu heulen.

Unbedingt musste ich mehr über Hochsensibilität herausfinden. Was steckte wirklich hinter diesem Begriff?

Nachdem ich hektisch nach Büchern recherchiert hatte, entdeckte ich eines, auf dessen Cover ein Gehirn zu glühen schien: „Die Berufung für Hochsensible: Die Gratwanderung zwischen Genialität und Zusammenbruch“ von Luca Rohleder.

Noch eine Minute zuvor hatte ich geglaubt, das Thema würde mich nur rein theoretisch und im Zusammenhang mit dem Künstlerdasein interessieren. Jetzt spürte ich, dass es mich persönlich betraf. Ich kaufte es und begann sofort mit dem Lesen.

Die eigene Geschichte neu schreiben

Von der ersten Seite an hatte ich das Gefühl, der Autor würde meine Lebensgeschichte kennen. Hier standen alle Antworten, nach denen ich Jahrzehnte lang gesucht, die ich aber nie wirklich gefunden hatte. Scheinbar endlos viele Jahre hatte ich geglaubt, und hatte auch immer wieder von außen gespiegelt bekommen, dass mit mir etwas nicht in Ordnung war. Ich war zu anders, zu anstrengend, zu empfindlich, zu irgendwas. Ich wollte so gern wissen, warum. Aber die Antwort blieb aus. Bis jetzt. Das Gefühl, als würde ein riesiger Eimer mit Wahrheiten über mir ausgeschüttet werden, ließ mich erschauern und immer tiefer in die Couch hinein sinken.

Ich wickelte mich in eine Decke, denn mir wurde eiskalt, aber ich konnte auch nicht aufhören zu lesen. Nicht jetzt.

Kennst Du das, wenn Du WEIßT, nicht ahnst oder glaubst. Nein. Du weißt, dass Du Dich gerade in einem der wichtigsten Augenblicke Deines Lebens befindest?

Am Abend war ich fertig. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich fühlte mich wie von einem Panzer überrollt. Als wäre mein bisheriges Leben ein Puzzle, in dem etliche Teile gefehlt hatten. Viele Puzzle-Teile waren von mir zurecht geschnitten worden, damit sie einigermaßen ins Bild passten und ich gut damit leben konnte.

Dieses Puzzle war nun heruntergefallen. Alle Teile lagen verstreut auf dem Boden. Keine Geschichte stimmte mehr.

Später lag ich stundenlang reglos da und starrte an die Zimmerdecke. Ganz langsam begann sich ein neues Bild von meinem Leben zu formen. Jetzt passte alles zueinander. Die leeren Stellen ergänzten sich allmählich. Ich hatte ein neues, vollständiges Bild meines bisherigen Lebens erhalten. Eine neue Geschichte. 

Ein Buch, das nur für Dich geschrieben wurde

Als nächstes fielen mir Menschen in meinem Umfeld ein, Familienangehörige und Freunde, die ebenfalls hochsensibel sein mussten. Ich war mir sicher. Jeden einzelnen rief ich an und erzählte von meinem Erlebnis. Auch ihnen empfahl ich das Buch von Luca Rohleder, wenn ich merkte, dass sie sich von dem Thema angesprochen fühlten. Der erste war mein lieber Freund und Künstlerkollege Daniel. Er begann noch am selben Tag, das Buch zu lesen.

Als wir ein paar Tage später telefonierten, erfuhr ich, dass er ganz ähnliche Erfahrungen gemacht hatte. „Ich dachte, dieser Mensch hat das Buch nur für mich allein geschrieben“, berichtete er mir aufgeregt. „Jetzt kann ich die Welt und die Menschen um mich herum aus viel liebevolleren Augen sehen. Auch meine eigene Kunst! Ich habe nicht mehr diesen Groll in mir. Und ich weiß jetzt, dass ich nicht ganz alleine bin. Es gibt tatsächlich viele von uns. Das ist wundervoll! Wer hätte das gedacht.“ Ich habe meinen Freund noch nie zuvor so sprudelnd und euphorisch erlebt.

Schweigen, wenn Du sprachlos bist

Am liebsten hätte ich gleich am nächsten Tag diesen Blog-Beitrag verfasst. Aber ich musste die Erfahrung erst einmal für mich verarbeiten. Ich hätte nicht gewusst, was genau ich Dir schreiben soll. Mir fehlten die geeigneten Worte. Meine Welt war zu neu.

In den letzten Wochen habe ich viel über das Thema Hochsensibilität im Zusammenhang mit dem Künstlerdasein nachgedacht, reflektiert, recherchiert und mit anderen darüber gesprochen.

Heute bin ich felsenfest überzeugt: Wenn Du KünstlerIn bist, dann bist Du hochsensibel!

Nicht alle Hochsensiblen sind Künstler, aber alle Künstler sind hochsensibel

Luca Rohleder gibt Dir in seinem Buch nicht nur einen Überblick über Dein ganz spezielles Wesen. Er nimmt Dir die Last eventueller Selbstvorwürfe, die Dich vielleicht Dein ganzes bisheriges Leben begleitet haben. Er gibt Dir eine Gebrauchsanweisung für Dich selbst an die Hand.

Er verhilft Dir zu einer neuen Betrachtungsweise auf Deine besonderen Befindlichkeiten. Wie Du Dich schützen kannst. Warum Du bist wie Du bist. Was Du brauchst, um erfüllt leben zu können. Welchen Wert Du der Welt mit Deinen besonderen Gaben schenkst.

Zu wissen, dass Du kein Freak, sondern genau richtig bist, wie Du bist, ist unglaublich heilsam und entkrampfend!

Wenn Du hochsensibel bist, habe ich einen Appell an Dich: Beschäftige Dich mit dem Thema! Dies ist heute kein Tipp, keine Empfehlung von mir. Heute fordere ich Dich direkt auf.

Denn Du bist es Dir selbst, aber auch Deinem Umfeld und der Welt schuldig, dass Du die Gaben, die Du als hochsensibler Mensch bekommen hast, für Dich, aber auch zum Wohle aller anderen einsetzt. Indem Du der Welt Deine Kunst schenkst.

Hochsensibel zu sein bedeutet eine besondere Verantwortung.

Wir sind die Kreativen, die Pioniere, diejenigen, die mit einem Zugang in Bewusstseinssphären geboren wurden, zu denen der Rest der Erwachsenen keinen natürlichen Zugang hat.

Inzwischen bin ich in einer Community auf Facebook gelandet, wo sich einer nach dem anderen als hochsensibel outet und seine Geschichte erzählt. Ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie sehr sich all unsere Beschreibungen ähneln. Sicher gibt es viele weitere solcher Treffpunkte. Ich rate Dir: Schließe Dich einer solchen Community an. Ich weiß, wir tendieren mehr zum Einzelgänger. Aber auch wir sind menschliche Wesen und lieben es, Gleichgesinnte um uns zu haben. 

Du merkst, dieses Thema hat es mir unglaublich angetan.

Wenn Du hochsensibel bist, sei bitte bitte stolz darauf!

Und vergiss niemals:

Die Welt braucht genau Dich und Deine Kunst!

Deine Barbara

P.S. Bitte schreibe mir Deine Fragen, Anregungen und Meinungen in den Kommentar.

Vielleicht möchtest Du auch Deine eigenen Erfahrungen zum Thema mit mir teilen. Ich freue mich und bin gespannt.

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